Jessica S. ist Model und Influencerin, hat knapp 150.000 Follower auf Instagram und verdreht Männern, nicht nur im digitalen Leben den Kopf. Sie hätte vermutlich keine Mühe, Dates zu bekommen. Was sie hatte, war Mühe, den Richtigen zu finden. Zu viele Abende mit zu vielen offenen Fragen. Zu viele Männer, die ihr sagten, ihre Ansprüche seien zu hoch. Dann empfahl ihr eine Freundin eine Plattform namens Seeking, und ihr erstes Date dort endete vor einem Kamin mit Wasserblick und einer guten Flasche Wein. „Dating wird zu einer viel besseren Erfahrung, wenn Menschen ehrlich darüber sind, wer sie sind und was sie suchen“, sagte sie gegenüber dem New York Post. „Klare Erwartungen sparen Zeit, schaffen stärkere Verbindungen und geben Menschen die Möglichkeit, Beziehungen von Anfang an auf Vertrauen und Authentizität aufzubauen.“
Eine Plattform erfindet sich neu
Seeking wurde 2006 als Seeking Arrangement gegründet und hat Sugar-Baby-Kultur in den Mainstream gebracht. Das Prinzip war einfach und provokant: Frauen, die finanzielle Sicherheit suchen, treffen Männer, die bereit und in der Lage sind, diese zu bieten. Die Schlagzeilen schrieben sich von selbst. Gründer Brandon Wade, heute 55, gibt zu, dass er damals bewusst in die Sensation hineingelehnt hat. „Die Aufmerksamkeit hat dem Wachstum geholfen“, so Wade gegenüber dem New York Post. Doch mit der Zeit wurde das Image des Portals transaktionaler als je beabsichtigt, und genau das wurde zur größten Bürde der Marke.
Heute heißt die Plattform schlicht Seeking, und die Botschaft hat sich verschoben. Geworben wird jetzt mit „dauerhaften Partnerschaften und Liebe, aufgebaut auf dem gemeinsamen Wunsch nach einem erfüllten und ambitioniertem Leben.“ Wade führt das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau Dana Rosewall, 25, die er auf der Plattform kennenlernte und die seit Juni 2022 seine Frau und Co-CEO ist. Rosewall ist 30 Jahre jünger als er und war, wie Wade dem New York Post schildert, selbst erfolgreich und auf der Suche nach jemandem auf Augenhöhe.
Wade sagt, die Gesellschaft habe sich der Plattform angenähert, nicht umgekehrt. „Die Kultur hat uns eingeholt.“ Was er damit meint:
Gespräche über finanzielle Kompatibilität, Rollenerwartungen in Beziehungen und materielle Vorstellungen, die früher beim ersten Date als Tabu galten, sind heute Standardthemen.
Das Phänomen der „Trad Wife“, der traditionellen Hausfrau als bewusstem Lebensentwurf, hat sich viral verbreitet. Wer heute offen sagt, was er vom anderen erwartet, gilt nicht mehr automatisch als berechnend.
Sugar-Dating als neues Dating-Phänomen
James Sexton, Scheidungsanwalt in New York, bringt es auf eine Formel. „Alle Beziehungen sind eine Ökonomie“, sagte er gegenüber dem New York Post. „Eine Ökonomie ist ein Austausch von Wert.“ Was sich verändert habe, sei nicht, dass Geld plötzlich eine Rolle spiele. Es sei, dass Menschen zunehmend bereit seien, das offen einzugestehen.
„Sugar Dating sagt das, was sonst leise bleibt, laut.“
Dating-Coach Drew Henry, der nach eigenen Angaben wohlhabende Klienten vermittelt, sieht darin eine Effizienzfrage. „Das nach außen zu tragen, was man in einer Beziehung will, ist ein guter Weg, das anzuziehen, was man sucht“, sagte er dem New York Post. Er zitiert einen Klienten, der mehr als 250.000 US-Dollar im Jahr verdient und auf Hinge den Prompt verwendet: „Etwas, das ich nie wieder tun werde: Economy fliegen.“ Eine andere Klientin, die eine traditionelle Ehe anstrebt, fragt Männer vor dem ersten Date, ob sie die Rechnung übernehmen oder teilen wollen. Henrys Beobachtung: Die Männer, die ohnehin bezahlen wollten, fühlen sich durch die Direktheit geschmeichelt. Die anderen scheiden früh aus. Das ist, jedenfalls aus Sicht des Coaches, keine Unhöflichkeit, sondern Zeitersparnis.
Gold-Digger oder einfach nur ehrlich?
Das Wort, das in diesen Gesprächen immer wieder auftaucht, ist „Gold-Digger“, und dies ist meist negativ behaftet. Dana Rosewall, Co-CEO von Seeking, formuliert es gegenüber dem New York Post so:
„Ich glaube, ein Teil des Problems war, dass Frauen als Gold-Digger abgestempelt wurden, wenn sie einen Mann wollten, der für sie sorgt. Dabei ist daran nichts falsch.“
Rosewall unterscheidet zwischen zwei Gruppen: Frauen, die finanzielle Sicherheit als Grundbedürfnis kommunizieren, und Frauen wie sie selbst, die schlicht den Dating-Pool effizienter filtern wollen. „Ich will einfach die Wahl haben, ohne dafür verurteilt zu werden.“
Jessica S. sieht es ähnlich. Die Erfahrung auf Seeking habe ihr geholfen, aufzuhören, sich mit weniger abzufinden. „Es gibt keine Grenze für das, was ich erreichen oder verdienen kann“, sagte sie dem New York Post. Das klingt nach Selbstermächtigung, und so ist es auch gemeint. Ob man das als Fortschritt liest oder als Rationalisierung alter Muster, hängt davon ab, wen man fragt.
Was sich an dem Phänomen ablesen lässt, ist jedenfalls real: Die Bereitschaft, finanzielle Erwartungen in Beziehungen offen zu benennen, ist gewachsen. Das liegt nicht nur an Plattformen wie Seeking, sondern an einem breiteren kulturellen Wandel, in dem Geld, Ambition und Lebensstilvorstellungen ihren Platz als legitime Gesprächsthemen eingefordert haben. Ob daraus bessere Beziehungen entstehen, ist eine andere Frage. Dass es ehrlichere Gespräche produziert, zumindest am Anfang, daran zweifelt kaum jemand, der in dieser Szene unterwegs ist.
Quellen: New York Post
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