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Der Mann, der das Ohr der Welt war: Clive Davis ist tot

Über Jahrzehnte hinweg prägte Davis die internationale Musikbranche wie kaum ein anderer Manager. Nach Bekanntwerden seines Todes würdigten zahlreiche Stars der Musikszene. Ein Nachruf ...
Juni 22, 2026
5 Minuten Lesezeit
Musikmanager Clive Davis ist im Alter von 94 Jahren gestorben. Bild: Clive Davis spricht beim Kennedy Center Honors Dinner im US-Außenministerium in Washington, D.C., am Samstag, dem 2. Dezember 2023. Quelle: US-Außenministerium , Gemeinfreiheit, über Wikimedia Commons

Am Montag, dem 22. Juni 2026, starb Clive Davis in seinem Haus in Manhattan. Er war 94 Jahre alt, zuletzt wegen einer Atemwegserkrankung im Krankenhaus gewesen, und er hinterließ, wie seine Familie in einem Statement formulierte:

„den Soundtrack unzähliger Leben.“

Das klingt nach Nekrolog-Prosa. Es ist, in diesem Fall, schlicht präzise. Wer die Popgeschichte der vergangenen sechzig Jahre aufrollt, stößt auf Davis an jedem zweiten Wendepunkt: als derjenige, der Janis Joplin nach Monterey verpflichtete, der Bruce Springsteen sagte, er solle sich auf der Bühne bewegen, der eine 19-jährige Whitney Houston zwei Jahre lang persönlich durch ihr Debütalbum begleitete.

Über Jahrzehnte hinweg prägte Davis die internationale Musikbranche wie kaum ein anderer Manager. Zwischen 1967 und 1973 leitete er Columbia Records, bevor er später Arista Records und im Jahr 2000 schließlich J Records gründete. Im Laufe seiner Karriere verpflichtete er zahlreiche namhafte Künstlerinnen und Künstler, darunter Aretha Franklin, Patti Smith, Dionne Warwick, Alicia Keys und Maroon 5. Darüber hinaus spielte er eine entscheidende Rolle bei der Förderung und Entwicklung von Musikgrößen wie Janis Joplin, Carlos Santana, Barbra Streisand und Whitney Houston. Nach Bekanntwerden seines Todes würdigten zahlreiche Stars der Musikszene Davis in den sozialen Netzwerken und verabschiedeten sich mit emotionalen Botschaften.
Bild: Christopherpeterson auf der englischen Wikipedia , CC BY 3.0 , über Wikimedia Commons

Brooklyn, Harvard, Columbia

Clive Jay Davis wurde am 4. April 1932 in Crown Heights, Brooklyn, geboren. Sein Vater arbeitete als Elektriker und reisender Krawattenverkäufer. Als Davis 18 war, starben beide Eltern innerhalb von zehn Monaten, die Mutter an einem Hirnschlag, der Vater an einem Herzinfarkt. Er zog zu seiner älteren Schwester Seena nach Queens, erhielt ein Vollstipendium für die NYU und danach eines für die Harvard Law School. 1956 schloss er Harvard ab.

Musik hatte in seiner Kindheit keine besondere Rolle gespielt. Er sammelte keine Platten, hörte gelegentlich Radio. Als Harvey Schein ihm 1960 einen Job in der Rechtsabteilung von Columbia Records anbot, wusste Davis nach eigener Aussage kaum etwas über die Branche. Er nahm die Stelle trotzdem an und belegte Abendkurse in Urheberrecht und Vertragsrecht. 1961 wurde er zum Chefjuristen des Labels ernannt, 1965 zum Vizepräsidenten, kurz darauf zum Präsidenten.

Den eigentlichen Wendepunkt beschrieb Davis in seiner 2012 erschienenen Autobiografie „The Soundtrack of My Life“ selbst: das Monterey Pop Festival 1968, wohin ihn sein Freund Lou Adler, Musikmanager und späteres Mitglied der Rock and Roll Hall of Fame, mitgenommen hatte. Sinngemäß auf Deutsch schrieb er dort:

„Janis Joplin auftreten zu sehen war eine der größten musikalischen Erfahrungen meines Lebens.“

Er verpflichtete Joplins Band Big Brother & the Holding Company für Columbia und schob das Label, das unter seinem Vorgänger Goddard Lieberson auf Soundtrack-Alben wie „My Fair Lady“ spezialisiert gewesen war, in die Rockära. Santana folgte. Dann Aerosmith, Pink Floyd, Billy Joel, schließlich ein junger Springsteen.

Die Springsteen-Lektion und der Fall Columbia

„Er hat mein Leben verändert“

sagte Springsteen über Davis,

Die Geschichte, die Davis über Bruce Springsteen erzählte, ist inzwischen Branchenlegende. Er sah ihn 1971 im Ahmanson Theater in Los Angeles, wo Davis sieben aufeinanderfolgende Abende gebucht hatte, mit einem Sammelsurium aus Miles Davis, Johnny Mathis, Loudon Wainwright und anderen. Springsteen stand mit seiner Gitarre auf der Bühne und rührte sich kaum. Danach, so Davis im Playboy-Interview 2013, habe er ihm gesagt:

„Bruce, wenn du so auf der Bühne stehst, kannst du nicht einfach nur stehen. Du musst dich bewegen.“

Springsteen hörte zu, schien aber nicht wirklich aufzunehmen, was Davis meinte.

Zwei Jahre später sah Davis ihn im Bottom Line in Greenwich Village. Sinngemäß auf Deutsch erinnerte er sich:

„Das war nicht der Bruce Springsteen, den ich verpflichtet hatte. Er saß nicht still auf der Bühne. Er sprang auf Tische, buchstäblich von der Bühne herunter.“

Backstage schaute Springsteen ihn an und fragte:

„Hab ich mich genug bewegt?“

Davis kommentierte das so:

„Er wurde einer der besten Performer. Aber deswegen hatte ich ihn nicht verpflichtet. Ich hatte ihn wegen seiner Texte verpflichtet.“

Im Mai 1973 wurde Davis von Columbia gefeuert. Der Vorwurf: Er habe das Unternehmen um 94.000 US-Dollar durch Spesenmanipulationen betrogen, darunter die Finanzierung der Bar-Mizwa seines Sohnes Fred und eine Renovierung seiner Wohnung. Davis bestritt beide Vorwürfe vehement, viele Anklagepunkte wurden fallen gelassen.

Elton John, der in „The Soundtrack of My Life“ zitiert wird, fasste die Stimmung der Branche so zusammen:

„Als mein Plattenvertrag neu verhandelt werden sollte, war Columbia Records das einzige Label außer MCA, das ich in Betracht gezogen hätte. Dann verließ Clive Davis Columbia, und ich hatte kein Interesse mehr. Clive war Columbia.“

Arista, Whitney, Santana

Davis gründete Arista Records aus den Überresten des Bell Records-Labels, benannt nach dem Zweig der nationalen Ehrengesellschaft seiner High School. Er erbte Barry Manilow, verpflichtete Aretha Franklin, Dionne Warwick, Carly Simon und die Grateful Dead. Und er brachte 1983 eine 19-jährige Whitney Houston unter Vertrag.

Zwei Jahre lang überwachte er ihr Debütalbum persönlich. Das selbstbetitelte Album von 1985 enthielt „You Give Good Love“, „Saving All My Love for You“, „How Will I Know“ und „The Greatest Love of All“. Als er Houston 2012 gegenüber MTV News vorstellte, formulierte er es so:

„Wenn es eine Künstlerin für die nächste Generation geben wird, die die Schönheit und lyrische Phrasierung einer Lena Horne mit den gospelartigen Wurzeln einer Aretha Franklin verbindet, dann ist es Whitney Houston.“

Stanley Tucci spielte Davis 2022 im Houston-Biopic „I Wanna Dance With Somebody“.

1989 kooperierte Davis mit dem Atlantaer Label LaFace Records, das von Antonio „L.A.“ Reid und Kenny „Babyface“ Edmunds geführt wurde, und später mit Sean „Puffy“ Combs bei Bad Boy Records. BMG drängte ihn Anfang 2000 aus Arista, mit Verweis auf eine Altersgrenze, und ersetzte ihn durch seinen früheren Schützling Reid.

Doch ausgerechnet bei der Grammy-Verleihung jenes Jahres gewann Carlos Santanas Comeback-Album „Supernatural“ neun Grammys, darunter Album des Jahres, Aufnahme des Jahres und Song des Jahres. Davis selbst erhielt zwei Trophäen als Produzent. „Supernatural“ wurde 15-fach Platin und verkaufte sich laut The Hollywood Reporter weltweit über 26 Millionen Mal. „Smooth“ blieb zwölf Wochen auf Platz eins der Charts.

Das goldene Ohr bis zuletzt

BMG erkannte seinen Fehler und gründete mit Davis das Joint Venture J Records. Dort entwickelte er Alicia Keys und reanimierte die Karrieren von Rod Stewart, mit der Great American Songbook-Serie, und erneut von Barry Manilow. 2002 übernahm Davis die RCA Music Group und erkannte früh das kommerzielle Potenzial von „American Idol“: Er produzierte Kelly Clarksons Album „Breakaway“ und gewann dafür einen Grammy für das beste Pop-Vokalalbum. 2008 wurde er zum Chief Creative Officer des fusionierten Sony BMG ernannt.

Seit 1976 veranstaltete Davis jeden Samstagabend vor der Grammy-Verleihung eine Party, zu der er Branchengrößen wie Jimmy Iovine, David Geffen, Richard Branson und Sean Combs versammelte. Die Ausgabe 2012 im Beverly Hilton wurde überschattet, als Houston wenige Stunden vor Beginn in ihrem Hotelzimmer starb.

Davis ließ die Feier weiterlaufen und machte sie zu einer Hommage an die Sängerin. 2003 gründete er das Clive Davis Institute of Recorded Music an der Tisch School of the Arts der NYU und half später beim Aufbau des Clive Davis Theater im Grammy Museum in Los Angeles mit.

Über sein „goldenes Ohr“ sprach Davis im Playboy-Interview 2013 mit bemerkenswerter Nüchternheit:

„Ich hatte nicht unbedingt ein Gehör, aber ich glaube, ich habe eines entwickelt. Ob da ein natürliches Gehör war, das ausgelöst wurde, weiß ich nicht. Aber wenn man eine Joplin oder einen Springsteen sieht, weiß man es. Und die Statistik häuft sich an und gibt einem Selbstvertrauen. Man denkt: Mein Gott, ja, ich habe Santana zugestimmt.“

Davis hinterlässt seine Kinder Fred, Lauren, Mitch und Doug, acht Enkelkinder, zwei Urenkel, seine Cousine Jo und seinen Partner Greg Schriefer. Er war zweimal verheiratet gewesen, mit Helen Cohen von 1956 bis 1965 und mit Janet Adelberg von 1965 bis 1985. In seiner Autobiografie hatte er seine Bisexualität öffentlich gemacht.

Was bleibt, ist ein Katalog, der seinesgleichen sucht: Joplin, Springsteen, Houston, Santana, Keys, Clarkson, Franklin. Kein Produzent des 20. Jahrhunderts hat mehr Karrieren geformt. Und keiner hat das mit mehr Kalkül getan, der sich so wenig nach Kalkül anfühlte.

Quellen: The Hollywood Reporter, The Sun, WION News, Hollywood.com, Hollywood Life

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Sebastian C. Nelles

Sebastian C. Nelles ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur des Men's Mag. Als Geschäftsführer (CEO) der übergeordneten NELLES MEDIA ist er zudem für die strategische Leitung der hauseigenen Medien-Marken sowie für das operative Werbe-Geschäft zuständig. Er nimmt Ihre Business-Anfragen gerne entgegen.

Sebastian C. Nelles schreibt in seiner Rolle als Chefredakteur auch selbst über Themen rund um Männlichkeit, Lifestyle, Erfolg, Mode und mehr ...

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