Dunkel
Hell

Der Mann, der Apple ins Kino gebracht hat: Eddy Cue

Vom Informatiker zum Architekten eines Streaming-Imperiums: Dass er in Cannes als "Entertainment Person of the Year 2026" geehrt wird, ist ein Statement über den Wandel der Branche.
Juni 23, 2026
4 Minuten Lesezeit
Ben Stiller und Eddy Cue beim South by Southwest Festival 2025. Bild: Bea Phi , CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons

Er wurde in Cannes als „Entertainment Person of the Year 2026“ geehrt. Er steht für den den Wandel der Branche. Seine Name: Eddy Cue

Es gibt einen Moment in Eddy Cues Karriere, der alles erklärt. Früh in seiner Zeit bei Apple fragte er Steve Jobs, warum Pixar immer wieder Hits produzieren konnte, während das anderswo kaum gelang. Jobs antwortete:

„Es beginnt und endet mit der Geschichte. Wenn du keine Geschichte hast, kannst du keine großartige Show haben.”

Cue hat diesen Satz offenbar nicht vergessen. Am Montag stand er im Lumière Theatre im Cannes Palais des Festival vor einem vollen Saal, neben Produzent Jerry Bruckheimer, und sprach über genau das: Geschichten. Gute Geschichten. Und warum man dafür keine Regeln braucht, sondern Mut.

Eddy Cue: Vom Informatiker zum Architekten eines Streaming-Imperiums

Cue ist kein klassischer Hollywood-Mann. Er hat Informatik und Ingenieurwissenschaften studiert, ist seit 1989 bei Apple und hat dort den iTunes Store und den App Store aus der Taufe gehoben. Heute verantwortet er als Senior Vice President of Services Apple TV+, Apple Music sowie die Film- und TV-Studios des Konzerns. Dass er in Cannes als Entertainment Person of the Year 2026 der Cannes Lions geehrt wird, ist deshalb eine Aussage: nicht über Hollywood, sondern über den Wandel der Branche.

Das Cannes Lions Festival of Creativity ist seit Jahren ein Pflichttermin für Menschen aus Medien, Entertainment, Werbung und Technologie. Die Begründung der Jury für Cues Auszeichnung fiel entsprechend deutlich aus:

„Als Architekt von Apples Services- und Entertainment-Strategie hat Eddy Cue die Entstehung eines der weltweit unverwechselbarsten Kreativstudios begleitet”,

hieß es offiziell. Apple TV+ habe sich als Heimat für anerkanntes Storytelling etabliert und bewiesen,

„dass Ambitionen und Integrität im Geschichtenerzählen kein Widerspruch zu kommerziellem Erfolg sind.”

Cue selbst gab sich auf der Bühne bescheiden, aber bestimmt. „Ich kann nicht mal sagen, dass das ein Traum ist, der wahr geworden ist, weil ich nicht mal so hätte träumen können”, sagte er zu Bruckheimer. Und dann, mit dem Blick nach vorn: „Wir fangen gerade erst an. Es gibt noch viel zu tun.”

Null Lizenzen, fünf Shows und der Glaube an das Kreativteam

Als Apple TV+ im Jahr 2019 startete, machte Cue eine Entscheidung, die damals viele für falsch hielten: kein lizenzierter Fremdcontent, keine Bibliothek alter Titel, keine Absicherung durch bekannte Marken.

„Wir haben mit nichts angefangen”,

sagte er in Cannes.

„Wir hatten fünf oder sechs Shows beim Launch.”

Denn wer seinen Namen auf etwas setzt, das er nicht mitgeschaffen hat, tue sich keinen Gefallen. Das war die Logik. Und sie hat sich, zumindest nach den Maßstäben des Preises, den Cue gerade entgegengenommen hat, als tragfähig erwiesen.

Es dauerte zwei Jahre, bis Cue die richtigen Leute für die Spitze des Programmbereichs fand: Jamie Erlicht und Zack Van Amburg, beide zuvor bei Sony Pictures Television. Seither ist das Portfolio gewachsen, und zwar mit Titeln, die niemand auf den ersten Blick als sichere Wetten eingestuft hätte. „Severance” ist so ein Fall, „Ted Lasso” ein anderer. Cue erklärte in Cannes, was er daraus gelernt hat:

„Du musst an das kreative Team glauben.”

Nicht an das Konzept, nicht an den Markt, nicht an die Testgruppe. An die Menschen.

Den ersten großen Vertrauensbeweis dieser Art beschrieb Cue anhand von „The Morning Show”. Reese Witherspoon und Jennifer Aniston waren, wie er es formulierte,

„die Ersten, die an uns geglaubt haben”.

Allerdings war der Deal zunächst nicht sicher. Cue bat um ein persönliches Gespräch mit beiden und fragte sie direkt, ob sie glaubten, eine der besten Serien aller Zeiten zu machen. Als beide ja sagten, sagte er:

„Dann müsst ihr es mit uns machen. Wir haben keine anderen Shows. Wir glauben hundertprozentig an euch.”

Das Argument war schlicht die Konsequenz: Wer nur einen Platz hat, gibt ihm alles.

F1, Oscars und ein EGOT, von dem Cue nie gehört hatte

Dass Apple heute ein EGOT-Gewinner ist, also Preisträger bei Emmy, Grammy, Oscar und Tony, hat Cue nach eigener Aussage überrascht.

„Ich hatte noch nie von diesem Ding namens EGOT gehört”,

sagte er in Cannes. Jetzt hat er es. Den Oscar gewann Apple für „CODA” (2021), den Grammy für Chris Stapletons „Bad as I Used to Be” aus dem Soundtrack von „F1: The Movie”, und den Tony jüngst für „Schmigadoon!”, die Bühnenadaption der Apple-Originalserie, als bestes Musical. „The Studio” holte im vergangenen Jahr 13 Emmy-Trophäen, Rekord für eine Comedyserie in einem einzigen Jahr und für eine Erstserie.

Doch das lauteste Echo im Lumière Theatre erzeugte an diesem Montag ein anderer Titel: „F1: The Movie”. Der Film mit Brad Pitt spielte weltweit 634 Millionen US-Dollar ein, wie Variety berichtet, und ist damit Pitts erfolgreichster Film überhaupt. Bruckheimer und Cue ließen auf der Bühne keinen Zweifel daran, dass es eine Fortsetzung geben soll.

„Wir werden es noch einmal tun”,

sagte Cue.

„Hoffentlich machen wir einen weiteren Formel-1-Film. Ich glaube, alle wollen einen weiteren sehen.”

Bruckheimer nannte dabei auch Regisseur Joseph Kosinski, der bereits „F1” und „Top Gun: Maverick” inszeniert hatte. Eine offizielle Grünes Licht von Apple gibt es laut Variety bislang nicht, aber der Tonfall war eindeutig.

Cue und Bruckheimer kündigten zudem ein neues gemeinsames Projekt an: einen UFO-Verschwörungsthriller, ebenfalls mit Kosinski als Regisseur. Bruckheimer beschrieb das Vorhaben in Cannes als:

„So eine Art ‘All the President’s Men’ darüber, was die Regierung über UAPs all diese Jahre verborgen hat.”

Zwei Männer, die für die Regierung gearbeitet hätten und immer wieder auf verschlossene Türen gestoßen seien, stünden im Mittelpunkt.

„Es wird eine wahre Geschichte sein, und sie wird, ich meine, den Verstand sprengen”,

sagte Bruckheimer.

Keine festen Regeln, kein festes Fenster

Am aufschlussreichsten für das, was Apple von anderen Streaming-Diensten unterscheidet, war vielleicht die Passage über Kinoauswertung. Bruckheimer erzählte, dass das Team „F1” neun verschiedenen Verleihern und Studios präsentiert hatte. Apple machte das, sinngemäß auf Deutsch, „kreativste Angebot”: 45 Tage exklusiv im Kino. Doch dann ließ Apple den Film einfach länger laufen, solange Tickets verkauft wurden.

Cue formulierte daraus eine Haltung, die er in Cannes als Prinzip beschrieb:

„Das 45-Tage-Fenster ist abgelaufen, und die Leute schauen noch immer im Kino. Dann lassen wir ihn einfach dort.”

Feste Regeln, wie viele Episoden einer Serie gleichzeitig veröffentlicht werden, wie lang ein Kinofilm exklusiv läuft, wie viel Spielraum ein Regisseur bekommt, lehnt er ab.

„Wenn du versuchst, der Beste zu sein, kannst du keine starren Regeln haben. Du musst flexibel sein, du musst schnell reagieren können.”

Das klingt nach Managementphilosophie, ist aber auch eine Branchenaussage. In einem Markt, in dem Netflix auf Volumen und Algorithmus setzt und andere Dienste auf Franchise-Sicherheit, wählt Apple einen anderen Weg: weniger Titel, mehr Überzeugung, kein Lizenzinhalt, kein Regelwerk. Ob das auf Dauer trägt, wird sich zeigen. In Cannes jedenfalls hat die Branche dieser Woche entschieden, dass es den Preis verdient.

Quellen: The Hollywood Reporter, Variety

Folge uns für mehr Insights aus Entertainment, Popkultur, Sport & Lifestyle.

Sebastian C. Nelles

Sebastian C. Nelles ist Gründer, Herausgeber und Chefredakteur des Men's Mag. Als Geschäftsführer (CEO) der übergeordneten NELLES MEDIA ist er zudem für die strategische Leitung der hauseigenen Medien-Marken sowie für das operative Werbe-Geschäft zuständig. Er nimmt Ihre Business-Anfragen gerne entgegen.

Sebastian C. Nelles schreibt in seiner Rolle als Chefredakteur auch selbst über Themen rund um Männlichkeit, Lifestyle, Erfolg, Mode und mehr ...

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

[gtranslate]
geheGanz nach oben
Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner