Dunkel
Hell

Looksmaxxing-Trend: Warum junge Männer sich für Schönheit ins Gesicht schlagen

Was hinter dem Internet-Trend steckt, der junge Männer zu immer extremeren Methoden der Selbstoptimierung treibt.
August 12, 2026
4 Minuten Lesezeit
Looksmaxxing-Trend: Warum junge Männer sich für Schönheit ins Gesicht schlagen
Bild via Instagram @andrewmaxxer

‎​​‌​​‌​‌‌‌​‌‌​‌​​​​​‌‌​‌‌​‌‌‌​​​​‌​‌​‌​​‌​​​‌​​‌‌​‌​​‌​‌‌‌‌Die Clips dauern selten länger als dreißig Sekunden. Ein junger Mann. Ein Hammer oder ein harter Plastikgegenstand. Dann: dumpfe Schläge gegen Wange und Kiefer. Immer wieder. Das Gesicht verzieht sich, die Knochen knacken – und Millionen schauen zu.

Was wie eine verstörende Mutprobe aussieht, hat in den sozialen Medien längst einen Namen: Looksmaxxing. Dahinter steckt die Idee, das eigene Aussehen bis ins kleinste Detail zu optimieren. Von Hautpflege und Fitness bis hin zu Methoden, bei denen es gefährlich wird.

Und wer glaubt, hier gehe es nur um eine schönere Jawline, schaut nur auf die Oberfläche.

Wenn Aussehen zur Währung wird

Looksmaxxing bezeichnet eine ganze Reihe von Methoden, mit denen vor allem junge Männer attraktiver werden wollen. Das beginnt harmlos: bessere Haut, mehr Muskeln, gesündere Ernährung, eine neue Frisur. Doch in den sozialen Medien endet die Optimierung nicht selten dort, wo es schmerzhaft wird.

Eine der extremsten Methoden heißt „Bone Smashing“. Dabei schlagen sich Anhänger gezielt gegen Wangen- und Kieferknochen. Die Hoffnung: kleine Verletzungen sollen den Knochen anschließend markanter und männlicher aussehen lassen.

Das Problem: Wissenschaftlich belegt ist dieser Effekt nicht, wie SRF berichtet. Mikrofrakturen werden vom Körper repariert. Sie machen aus einem runden Gesicht nicht auf magische Weise eine kantige Jawline.

Auf TikTok, Instagram und YouTube wird Attraktivität derweil vermessen und bewertet. Influencer entwickeln eigene Punkteskalen, auf denen Gesichtsproportionen, Jawline oder Symmetrie über den vermeintlichen „Wert“ eines Menschen entscheiden.

Wer schlecht abschneidet, bekommt in Teilen der Szene abwertende Bezeichnungen wie „Sub“ oder sogar „Untermensch“,

wie die Tagesschau berichtet. Letzterer Begriff hat eine besonders düstere Geschichte: Die Nationalsozialisten nutzten ihn zur Entmenschlichung unter anderem von Juden sowie Sinti und Roma.

Spätestens hier wird deutlich: Looksmaxxing ist in Teilen längst mehr als ein Schönheitsideal.

Wo der Trend herkommt

Seine Wurzeln hat Looksmaxxing laut Tagesschau, die sich dabei auf die Amadeu Antonio Stiftung beruft, in den digitalen Echo-Kammern der sogenannten Manosphere. Darunter versammeln sich unterschiedliche misogyne, sexistische und antifeministische Strömungen – teilweise mit Verbindungen in rechtsextreme Milieus.

In ihren Foren und sozialen Netzwerken dreht sich vieles um Männlichkeit, Frauen, Beziehungen und die Frage, warum manche Männer beim Dating vermeintlich „verlieren“. Dabei werden häufig stereotype Vorstellungen von Männlichkeit verbreitet.

Männer werden als Opfer gesellschaftlicher Veränderungen dargestellt, Gleichberechtigung oder Feminismus als Bedrohung.

Der Männerpsychologe Markus Theunert fordert deshalb gegenüber SRF ein anderes Verständnis von Männlichkeit. Jungen müssten lernen, dass es völlig normal ist, verletzlich, traurig oder manchmal hilflos zu sein.

Denn es geht nicht darum, jungen Männern plötzlich zu verbieten, gut aussehen zu wollen. Es geht darum, ihnen zu zeigen, dass Selbstwert nicht an einer Jawline hängt.

Wenn der Algorithmus entscheidet, was als Nächstes kommt

Besonders brisant wird der Trend dort, wo aus einem harmlosen Fitnessvideo der nächste Schritt in eine völlig andere digitale Welt werden kann.

Qualitative Analysen des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen (IZI), auf die die Tagesschau verweist, zeigen, dass Jungen mit Interessen wie Fitness oder Luxusautos auf TikTok zunehmend auch Inhalte aus der Manosphere oder von rechtsextremen Akteuren angezeigt bekommen.

Das funktioniert nicht zufällig. Die Inhalte knüpfen gezielt an Gefühle an, die viele junge Männer kennen: Einsamkeit, Frustration, Zurückweisung, Eifersucht oder das Gefühl, beim anderen Geschlecht nicht anzukommen.

Eine Analyse von 300 Manosphere-Clips zeigt entsprechende Muster. Persönliche Enttäuschungen werden dabei häufig auf Frauen zurückgeführt. Aus „Warum hat diese Beziehung nicht funktioniert?“ wird schnell „Frauen sind das Problem“.

Das große Versprechen: Du musst dich nur selbst optimieren

„Looksmaxxing ist kein Schönheitstrend“,

sagt Anıl Altıntaş, Autor und politischer Aktivist, gegenüber der Tagesschau. Er beobachtet die Entwicklung mit Sorge.

Das Versprechen von mehr Männlichkeit könne jungen Männern zwar Orientierung und ein Gefühl von Selbstwirksamkeit geben. Gleichzeitig werde aber „durch die Hintertür eine starke Botschaft von Misogynie und einer männlichen Dominanz“ vermittelt.

Das eigentliche Problem liegt laut Altıntaş in einem anderen Versprechen: Du bist selbst schuld – und du musst dich nur genug optimieren, dann wird alles besser.

Gesellschaftliche Probleme werden damit zu persönlichen Problemen gemacht. „Ihnen wird versucht, individualisierte Lösungen für kollektive Probleme zu verkaufen.“

Doch der perfekte Körper, die perfekte Jawline und das perfekte Leben sind Ziele, die sich immer weiter verschieben. Altıntaş spricht deshalb von einem „Fass ohne Boden“.

Wer ständig das Gefühl bekommt, noch nicht gut genug auszusehen, noch nicht männlich genug zu sein oder noch nicht genug erreicht zu haben, kann am Ende genau dort landen, wo der Trend eigentlich heraushelfen sollte: bei Frustration, Einsamkeit und Enttäuschung.

Auch eine Metastudie der Universitäten Kaiserslautern-Landau und Kassel beschäftigt sich mit den politischen Folgen solcher Verunsicherungen.

Männer, die sich in ihrer Männlichkeit bedroht oder verunsichert fühlen, befürworten demnach häufiger aggressive Politik, sprechen sich eher für Waffen und größere Autos aus und lehnen teilweise gleiche Rechte für Frauen und sexuelle Minderheiten ab.

Die Forschenden beobachten eine stärkere Orientierung an konservativen und autoritären Positionen – und sehen darin ein gesamtgesellschaftliches Risiko.

Was junge Männer dagegen stark macht

Was also tun?

Altıntaß setzt in seiner Arbeit auf persönliche Gespräche und sogenannte Peer-to-Peer-Arbeit an Schulen. Jungen seien „total offen“ für das Thema Männlichkeit, sagt er gegenüber der Tagesschau. Was ihnen häufig fehle, sei vor allem eines: Medienkompetenz.

Denn die erste Begegnung mit der Szene sieht selten radikal aus. Ein Fitnessvideo. Tipps für eine bessere Haut. Ein Training für die Jawline. Ein Influencer, der erklärt, wie man attraktiver wird.

Dagegen ist zunächst einmal nichts einzuwenden.

Schwierig wird es, wenn hinter der scheinbar harmlosen Selbstoptimierung andere Botschaften auftauchen. Wenn plötzlich erklärt wird, warum Frauen angeblich schuld an persönlichen Problemen sind. Wenn aus Schönheitsidealen feste Hierarchien werden. Oder wenn ein Influencer seine Follower Schritt für Schritt in andere, radikalere Online-Communities führt.

Genau deshalb müsse stärker hinterfragt werden, was hinter solchen Inhalten steckt, mit wem die Influencer vernetzt sind und welche Behauptungen tatsächlich stimmen.

„Die Frage ist, was ist da überhaupt Fake News, was ist Desinformation? Was auch falsche Versprechen? Dieses Hinterfragen passiert dann eben nicht.“

Es geht also nicht darum, jungen Männern den Wunsch nach einem guten Aussehen auszureden. Es geht darum, ihnen zu zeigen, wann aus Selbstoptimierung Selbstzweifel werden – und wer davon profitiert.

Denn ein kantiger Kiefer kann ein Gesicht verändern.

Aber kein Kiefer der Welt löst Einsamkeit.

Quellen: SRF, Tagesschau

Folge uns für mehr Insights aus Sport & Lifestyle.

Profilbild von Men's Mag Redaktion

Men's Mag Redaktion

Beiträge, speziell von der Mens-Mag.de Redaktion ausgewählt. Nicht alle Artikel unseres Magazins erscheinen unter dem Namen eines einzelnen Autors. Unter anderem, wenn mehrere Autoren daran mitgearbeitet haben.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

geheGanz nach oben
Cookie Consent Banner von Real Cookie Banner