Thom Browne’s Met Gala Klassenfoto 2026: Zehn Looks, eine Vision vom Körper als Kunstwerk
Ein Montagabend im Mai, New York. Während die Welt auf die Stufen des Metropolitan Museum of Art starrt, versammelt Thom Browne im nahegelegenen Pierre Hotel seine selbst zusammengestellte Klasse für das inzwischen legendäre Gruppenporträt – eine Tradition, die mittlerweile genauso zum Met-Gala-Ritual gehört wie der Beige Carpet selbst. Hollywood-Stars, Olympiasiegerin, Rapper, Maler, Serienphänomene: Browne schickt sie alle in maßgefertigte Roben, die zusammen eine einzige große Idee verhandeln – den menschlichen Körper als Form, als Leinwand, als Kunstwerk.
Die Prämisse: Körper als kuratorische Aussage
Das diesjährige Met-Gala-Thema „Costume Art“ lieferte Browne die perfekte Bühne. Kuratiert von Andrew Bolton, richtet die Ausstellung den Blick auf das Kostüm als eigenständige Kunstform. Browne übersetzte das in eine übergreifende Kollektion, die er als „Untersuchung des Körpers als Form“ beschreibt. Jedes Ensemble seiner zehn Gäste – plus des nicht fotografierten chinesischen Megastars Cai Xukun, bekannt als KUN – folgt einem eigenen konzeptuellen Faden, der sich vom Skelett über das Kreislaufsystem bis hin zur Transformation durch Korsetts und Reifröcke spannt.
Geburt und Wandel: Adut Akech
Das emotional aufgeladenste Ensemble trug Supermodel Adut Akech, die ihr zweites Kind erwartet. Browne kleidete sie in eine skulpturale schwarze Paillettenjacke über einem schwarzen, transparenten Tüllkleid und erklärte, die Kreation solle „die Evolution eines Kleidungsstücks durch die physische Veränderung des Körpers“ erkunden. Mehr als 1.100 handgefertigte Seidenorganza-Blüten zieren das Kleid – darunter Maiglöckchen, die traditionell mit Mai-Geburten assoziiert werden. Die rosafarbenen Blütenblätter auf Akechs Bauch sind kein Zufall: Sie soll ein Mädchen erwarten.
Antike Göttin und moderner Pinselstrich: Olivia Wilde
Olivia Wilde, demnächst in A24s „The Invite“ zu sehen, trug ein Trompe-l’oeil-Kleid, das die Venus de Milo zitiert – jene antike Marmorstatue, die Aphrodite darstellt und von Alexandros von Antioch geschaffen wurde. Mehr als 1,5 Millionen gestapelte Pailletten in über 600 Farben, geschichtet wie Pinselstriche aus Seidenfransenlagen, lassen das Kleid zwischen Skulptur und Gemälde pendeln. Die schwarzen Thom-Browne-Plateauschuhe erden den Auftritt im Hier und Jetzt.
Stärke und Vergänglichkeit: Dwayne Johnson und Lauren Hashian
Für sein Met-Gala-Debüt erschien Dwayne Johnson mit seiner Frau Lauren Hashian – und beide wurden gemeinsam zur Aussage. Johnsons schwarzer Mohair-Frackmantel aus dreilagigem Stoff ist mit mehr als 350 Metern handgeplissierter Seidenbänder in skelettartiger Komposition besetzt, dazu ein passender Plisseerock über Hosen und ein weißes Seidenwespenwesten-Hemd. Hashian trug ein weißes Seidencrepe-Halterneck-Kleid. Zusammen symbolisierten sie laut Browne „Stärke und Eleganz im Spiel der sterblichen und unsterblichen Dualität von Körpern in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.“
Tattoos in Wolle: Skepta
Der nigerianische MC und Rapper Skepta wurde für eine Nacht zum „beschrifteten Körper“. Sein weißer Woll-Jumpsuit ist mit handgezeichneter Satinstich-Stickerei bedeckt – entwickelt nach Skeptas eigenen Tattoos, in identischer Platzierung und identischem Maßstab. Die schwarzen Leder-Moto-Boots setzen den einzigen dunklen Kontrapunkt zu dieser lebendigen Körperkarte.
Marmor, Heilung und Olympia: Lindsey Vonn
Lindsey Vonn bestritt ihren ersten großen Roten-Teppich-Auftritt seit ihrer schweren Verletzung bei den Olympischen Winterspielen in Italien. Browne kleidete sie in ein dekonstruiertes Trompe-l’oeil-Kleid in Marmoroptik: mehr als 500.000 Glasschliff- und Stiftperlen in Weiß-, Grau-, Silber- und Kristalltönen, dazu ein Tüllunterrock in verschiedenen Weißnuancen. Die Inspiration kamen direkt von den klassischen Marmorstatuen des Met – ein stiller Kommentar über Verletzlichkeit, Widerstandskraft und die Schönheit des Unvollkommenen.
Innenleben in Sequins: KUN, Hernandez, Wolfhard, Sherald und Wilde
KUN, der chinesische Sänger, Songwriter und Schauspieler, trug einen schwarzen Mohair-Chesterfield-Jacken-Ensemble, dessen Inneres das menschliche Kreislaufsystem abbildet: mehr als 400.000 dégradé Pailletten und Stiftperlen in Rottönen für die Blutgefäße, handgenähte Fäden für Lunge und Venen. Saturday-Night-Live-Shootingstar Marcello Hernandez dagegen verkörperte das Gegenteil von Komplexität – ein klassischer schwarzer Fischgrat-Doppelreiher mit weißer Bullion-Borte, Brownes „zeitlose Silhouette der Schneiderei“. Finn Wolfhard aus „Stranger Things“ trug weiße Wollhosen mit Utility-Rock und Appliqués aus handgewebten Tweed-, Seidenfaille- und Organza-Geweben, die Browne mit abstrakter Texturmalerei behandelte – Stoff als Leinwand. Malerin Amy Sherald erschien in einem ärmellosen marineblau-weißen Plissee-Kleid, das ihr eigenes Gemälde „Miss Everything (Unsuppressed Deliverance)“ von 2014 zitiert. Und Bill Skarsgård wählte ein gepatchworktes Smoking-Ensemble, das Brownes 25-jähriges Archiv von Stoffen feiert: Jeder handgenähte Flicken erzählt von einem anderen Kapitel der Designergeschichte – Altern als Handwerk.
Thom Browne’s 2026 Class Photo

Thom Brownes jährliches Klassenporträt ist längst mehr als eine PR-Maßnahme. Es ist ein kuratorischer Akt: Browne wählt seine Gäste nicht nach Followerzahlen, sondern nach konzeptueller Passung – und schickt sie in Kleider, die zusammen einen Diskurs bilden. Die 2026er-Klasse ist dabei die bislang ambitionierteste. Zehn Körper, zehn Narrative – vom ungeborenen Kind bis zum olympischen Comeback, vom Tattoo-Archiv bis zum antiken Marmor. In einer Modewelt, die oft laut und flüchtig ist, liefert Browne etwas Selteneres: Stille Tiefe mit spektakulärer Oberfläche. Und ein Gruppenporträt, das man so schnell nicht vergisst.





