Sabastian Sawe bricht Marathon-Weltrekord: Warum die Zwei-Stunden-Marke so lange unerreichbar schien
In 1:59:30 ins Ziel – Für 100 Meter brauchte Sebastian Sawe 17 Sekunden
„Ich habe gezeigt, dass nichts unmöglich ist“ – Sabastian Sawe
London: Hinter der Ziellinie bekreuzigte er sich, dann stoppte er die Sportuhr am Handgelenk. Als wäre das ein ganz normaler Trainingslauf gewesen. Dabei hatte Sabastian Sawe beim London-Marathon am 26. April 2026 nicht nur den Weltrekord gebrochen, sondern eine Marke, die jahrzehntelang als unantastbar galt: die Zwei-Stunden-Schallmauer. 1:59:30. Nicht knapp. Eine halbe Minute unter der magischen Grenze, gut eine Minute unter dem bisherigen Weltrekord seines Landsmanns Kelvin Kiptum.
Was in London passiert ist
Die Spitzengruppe passierte die Halbmarathon-Marke in 60:29 Minuten, exakt auf dem anvisierten Rekordkurs. Dann legten Sawe und der Äthiopier Yomif Kejelcha, der in London sein Marathondebüt gab, noch einmal nach. Die fünf Kilometer zwischen Kilometer 30 und 35 absolvierten sie in 13:54 Minuten, die nächsten fünf in 13:42, laut n-tv die schnellsten je in diesem Rennabschnitt gelaufenen Zeiten. Zwei Kilometer vor dem Ziel setzte sich Sawe ab, mit einer Pace von 2:45 Minuten pro Kilometer.

Am Ende: 1:59:30. Im Schnitt über 21 km/h, schneller als handelsübliche E-Scooter fahren dürfen. Für 100 Meter brauchte er 17 Sekunden. Kejelcha kam in 1:59:41 ins Ziel, ebenfalls unter zwei Stunden. Der Drittplatzierte Jacob Kiplimo aus Uganda lief 2:00:28, damit noch unter Kiptums altem Weltrekord von 2:00:35. Ein Rennen, in dem drei Männer die bisherige Bestmarke unterbotenund einer davon trotzdem auf Platz zwei landete. „Ich habe heute Geschichte geschrieben“, sagte Sawe nach dem Rennen laut n-tv.
„Ich habe gezeigt, dass nichts unmöglich ist. Das ist etwas, was mir für immer im Kopf bleiben wird.“
Warum die Zwei-Stunden-Marke so lange standhielt
Seit dem ersten offiziellen Marathon-Weltrekord von 2003, damals 2:04:55, war das Unterschreiten der zwei Stunden das ultimative Ziel. Projekte wie „Breaking2“ scheiterten. 2019 lief Eliud Kipchoge in Wien 1:59:40, aber unter Laborbedingungen mit wechselnden Tempomachern, ohne Wettkampfcharakter. Die Zeit wurde nicht als Weltrekord anerkannt. Kiptum schaffte 2023 in Chicago 2:00:35 im regulären Rennen, starb aber im Februar 2024 bei einem Verkehrsunfall in seiner Heimat. Sawe selbst hatte beim Berlin-Marathon 2025 mit einer Zeit von 2:02:16 gewonnen, einen Weltrekord aber wegen Temperaturen von rund 25 Grad verpasst.
In London herrschten andere Bedingungen: 11 bis 14 Grad, kaum Wind, leichte Bewölkung. Hans-Georg Predel, Leiter des Instituts für Kreislaufforschung und Sportmedizin der Deutschen Sporthochschule Köln, ordnet gegenüber der Zeit ein:
„Die Bedingungen waren gut genug, aber der Rekord ist nicht primär durch äußere Faktoren erklärbar.“
Entscheidend seien negative Splits, also eine schnellere zweite Rennhälfte, und eine systemische Optimierung aller Leistungsvariablen. Dazu kommt der neue Adidas Adizero Adios Pro Evo 3, den Sawe trug. 97 Gramm, laut Hersteller 30 Prozent leichter als das Vorgängermodell. Der Sportwissenschaftler Ross Tucker beziffert den Zeitvorteil durch den Schuh auf 10 bis 15 Sekunden, zitiert von der Zeit. Nicht nichts, aber auch nicht der entscheidende Faktor.

Die Dopingfrage und was danach kommt
Sawe weiß, was mit seiner Leistung mitschwingt. Kurz vor dem Berlin-Marathon 2025 unterzog er sich freiwillig 25 Anti-Doping-Tests der Athletics Integrity Unit, alle negativ. Sein Agent Eric Lilot erklärte gegenüber LetsRun, man habe ein Zeichen setzen wollen, nachdem seine Landsfrau Ruth Chepngetich nach ihrem Weltrekord wegen eines positiven Dopingtests gesperrt worden war.
Doping-Experte Fritz Sörgel sagte dem Sport-Informations-Dienst:
„Wenn ich diese Zeit sehe, stehe ich sprachlos davor. Aber ich sage auch ganz klar: Im jetzigen Stadium sind keine Zweifel angebracht, weil ich mir diese Leistung erklären kann.“
Konkrete Vorwürfe gegen Sawe gibt es nicht. Der deutsche Läufer Hendrik Pfeiffer bringt es gegenüber n-tv auf den Punkt: „Der erste Gedanke ist leider immer mit Zweifeln gespickt, obwohl man damit den Einzelpersonen, die so eine Wahnsinns-Leistung erbracht haben, vielleicht völlig unrecht tut. Das ist leider das Vermächtnis vieler hundert Läuferinnen und Läufer, die in jüngster Vergangenheit betrogen haben.“

Sawe selbst hat bereits angekündigt, am 27. September beim Berlin-Marathon an den Start zu gehen. Seinen Weltrekord dort zu unterbieten gilt als unwahrscheinlich, die Temperaturen im Berliner Herbst dürften höher liegen als im Londoner April. Predel glaubt dennoch, dass London kein Ausreißer war.
„Es gibt physiologische Grenzen, aber Zeiten von etwa 1:58 Stunden sind möglich“,
sagt er.
Dass in einem einzigen Rennen gleich zwei Läufer unter zwei Stunden blieben, zeige, dass die Barriere aufweicht. Die Schallmauer ist gefallen. Jetzt beginnt die Frage, wie weit darunter es noch geht.
Quellen: Die Zeit (Laura Sophia Jung, 26. April 2026; Christian Spiller, 27. April 2026), n-tv, The Guardian, Instagram via @sawesebastian
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