Chronische Schmerzen loswerden – Neue Erkenntnisse
Bei chronischen Schmerzen lässt das Gehirn oft nicht los: Jetzt haben Forscher die „Kommandozentrale“ für anhaltenden Schmerz entdeckt
Forscher sehen in ihren Ergebnissen die Basis für neue Therapieansätze
Du kennst das Muster: Die Verletzung ist weg, der Arzt gibt Entwarnung, aber der Schmerz bleibt. Rücken, Nacken, Gelenke, er zieht sich durch den Alltag, obwohl es eigentlich keinen Grund mehr dafür geben sollte. Warum das passiert, war lange unklar.
Jetzt haben Neurowissenschaftler eine Region im Gehirn identifiziert, die genau dafür verantwortlich sein könnte.
Das Problem: Ein Gehirn, das nicht loslässt
Chronische Schmerzen sind kein Randproblem. Sie betreffen Millionen Menschen und ziehen eine lange Reihe von Folgeproblemen nach sich, von Schlafstörungen über Depressionen bis hin zu einem sogenannten Schmerzgedächtnis, bei dem das Nervensystem dauerhaft auf Alarm geschaltet bleibt.
„Warum Schmerzen nicht verschwinden und wie sie zu chronischen Schmerzen werden, ist eine wichtige Frage, auf die es noch immer keine Antwort gibt“,
sagt Linda Watkins, Neurowissenschaftlerin am College of Arts and Sciences. Bis jetzt fehlte der entscheidende Hinweis darauf, wo im Gehirn dieser Prozess gesteuert wird.
Die Entdeckung: Eine Kommandozentrale für anhaltenden Schmerz
Watkins und ihr Team haben im Gehirn von Ratten einen Bereich aufgespürt, der bei der Entstehung chronischer Schmerzen eine Schlüsselrolle spielt: den kaudalen granulären Inselkortex, kurz CGIC. Die Region ist etwa so groß wie ein Würfelzucker und bisher kaum erforscht.
Was das Team herausfand, ist eindeutig: Der CGIC ist für die Behandlung akuter Schmerzen kaum relevant, hält aber Schmerzsignale über einen langen Zeitraum aufrecht, auch dann, wenn die ursprüngliche Verletzung längst verheilt ist.
Für die Untersuchung nutzten die Forscher fluoreszierende Proteine, um zu verfolgen, welche Nervenzellen nach einer Verletzung des Ischiasnervs aktiv wurden. Anschließend setzten sie chemogenetische Methoden ein, mit denen sich spezifische Gene in einzelnen Neuronen gezielt ein- und ausschalten lassen.
Das Ergebnis: Der CGIC sendet Signale an den somatosensorischen Kortex, also den Teil des Gehirns, der Berührung und Schmerz verarbeitet. Dieser kommuniziert dann mit dem Rückenmark und weist es an, weiterhin Schmerzsignale in den Körper zu senden. Ein Kreislauf, der sich selbst am Laufen hält.
Was die Forscher als nächstes taten
Der entscheidende Schritt: Das Team schaltete diesen Schaltkreis ab. Das Ergebnis war doppelt: Die Entstehung chronischer Schmerzen wurde verhindert, und bereits bestehende chronische Schmerzen hörten auf.
„Unsere Forschung liefert einen klaren Beweis dafür, dass bestimmte Hirnbahnen direkt anvisiert werden können, um sensorische Schmerzen zu modulieren“,
erklärt Hirnforscher Jayson Ball. Die Studie wurde im „The Journal of Neuroscience“ veröffentlicht.
Die Forscher sehen in ihren Ergebnissen die Basis für neue Therapieansätze, möglicherweise auch als sicherere Alternative zur Einnahme von Opioiden.
Allerdings: Bevor solche Methoden beim Menschen angewendet werden können, sind weitere Forschungen nötig. Der Weg von der Ratte zum Menschen ist lang, und die Mechanismen im menschlichen Gehirn sind deutlich komplexer.
Was das für dich bedeutet, wenn du deine chronische Schmerzen loswerden möchtest
Noch gibt es keine Pille, keinen Eingriff, der diesen Schalter beim Menschen umlegt. Wer heute unter chronischen Schmerzen leidet, sollte sich von einem Arzt oder Schmerzspezialisten individuell beraten lassen, denn die Ursachen sind selten eindimensional.
Was diese Forschung aber verändert: das Verständnis, dass chronischer Schmerz kein rein psychologisches Problem ist und kein Zeichen von Schwäche, sondern ein messbarer, beeinflussbarer Prozess im Gehirn. Das ist eine andere Ausgangslage als noch vor wenigen Jahren.
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