Whey-Protein und Abnehmspritze?
Kunden suchen aktiv nach Wegen, die Nebenwirkungen von GLP-1 zu bekämpfen – die Lösung scheint Whey-Protein zu sein
Wie GLP-1 die Supplement-Branche auf den Kopf stellt
Wer vor einem Jahr noch Whey-Protein als Nischenprodukt für Kraftsportler abgetan hätte, liegt heute falsch. Der Stoff, der beim Käseherstellungsprozess als Nebenprodukt anfällt und jahrzehntelang als Schweinefutter galt, ist zum teuersten Rohstoff in der globalen Lebensmittelindustrie avanciert.
Laut Daten der Beratungsgesellschaft StoneX ist der Preis für Whey-Proteinkonzentrat mit 80 Prozent Proteingehalt (WPC 80) innerhalb eines einzigen Jahres um knapp 90 Prozent gestiegen, auf 20.000 Euro pro Tonne. Kein anderes Segment der Milchwirtschaft, weder Käse noch Milchpulver, kommt auch nur annähernd an diese Kurve heran.
Der Treiber hinter diesem Preisschock ist kein klassischer Versorgungsengpass. Es ist eine Spritze.
Die GLP-1-Welle trifft die Molkerei
GLP-1-Medikamente, also Abnehmspritzen wie Ozempic oder Wegovy, verändern nicht nur Körpergewichte, sondern ganze Einkaufsgewohnheiten. Wer Gewicht verliert, verliert auch Muskelmasse, und wer das verhindern will, braucht Protein. Viel davon, und möglichst hochwertiges.
Reuters hat für seinen Bericht ein Dutzend Unternehmen und Branchenvertreter aus der Molkerei- und Lebensmittelbranche befragt, und das Ergebnis ist eindeutig: Der GLP-1-Trend ist der entscheidende Faktor hinter der aktuellen Nachfragedynamik.
„Die anhaltend starke Nachfrage nach Molkenproteinen, die in den letzten Jahren durch GLP-1 noch weiter angeheizt wird, ist das, womit die Industrie umgehen muss“,
sagt Luis Cubel, Managing Director von Arla Foods Ingredients.
„Gibt es noch ungenutzte Volumina, die man erschließen kann?“
Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Arla, bekannt als Hersteller der Lurpak-Butter, hat seine Whey-Produktionskapazitäten bereits ausgebaut. Gleiches gilt für den niederländischen Konzern FrieslandCampina, der im Januar den US-Produzenten Wisconsin Whey Protein übernommen hat und gleichzeitig die Kapazität seines Werks im niederländischen Borculo verdoppelte.
Zuletzt kündigte FrieslandCampina zusätzlich Investitionen von mehr als 90 Millionen Euro an, um das Wachstum im Hochwertsegment der Molkenproteine zu beschleunigen.
Hyeyoung Moon, Chief Revenue Officer des Gesundheits- und Wellness-Händlers iHerb, beschreibt eine Verschiebung im Kundenprofil, die die Branche noch vor wenigen Jahren nicht für möglich gehalten hätte.
„Kunden suchen aktiv nach Wegen, die Nebenwirkungen von GLP-1 zu bekämpfen.“
Dabei falle auf, dass zunehmend Frauen nach Supplements suchten, die beim Muskelerhalt helfen, nicht nur die klassische Zielgruppe der Gym-Besucher.
Zu wenig Kapazität für zu viel Hunger
Das Problem ist strukturell. John Lancaster, Leiter des EMEA-Bereichs für Molkerei- und Lebensmittelberatung bei StoneX, formuliert es direkt:
„Es fehlt die Kapazität, Whey in das umzuwandeln, was der Markt gerade braucht.“
Gemeint sind vor allem hochwertige Whey-Konzentrate und Whey-Proteinisolate, also die aufwendiger verarbeiteten Formen, die in Joghurt, Hüttenkäse, Getränken und herzhaften Snacks zum Einsatz kommen.
Dairy Farmers of America (DFA), die größte US-amerikanische Molkereigenossenschaft, reagiert mit konkreten Produktinnovationen. Im vergangenen Monat brachte DFA unter der Marke MULU einen Hüttenkäse auf den Markt, dem zusätzliches Whey beigemischt wird, mit 18 Gramm vollständigem Protein pro halber Tasse, deutlich mehr als die üblichen 12 bis 13 Gramm eines Standardprodukts. Kristen Coady, Chief Innovation and Brand Officer bei DFA, spricht von einem regelrechten Ansturm: sinngemäß auf Deutsch:
„Was wir erleben, ist so etwas wie ein Run auf Molkereiproteine.“
Die Popularität von Hüttenkäse hat DFA dazu veranlasst, Produktionsstätten in Pennsylvania und New Mexico von Flüssigmilch auf kultivierte Produkte umzustellen.
Danone weitet seine Oikos-Joghurtlinie aus, Bel Group hat Babybel Protein lanciert. Marion Bucas, Marketingdirektorin bei Lactalis Ingredients, dem Zutatenarm des weltgrößten Molkereikonzerns, sieht in Protein eine enorme Chance, warnt aber auch:
„Molkereiproteine sind nach wie vor die qualitativ besten Proteine auf dem Markt, aber es wird viel Arbeit kosten, Alternativen zu finden, die die Nachfrage befriedigen.“
Startups und Pilze als Antwort auf den Engpass
Wo klassische Molkereien an Kapazitätsgrenzen stoßen, drängen Biotechnologie-Unternehmen in den Markt. Precision Fermentation, also die Herstellung von Proteinen durch Fermentationsprozesse, gilt als mögliche Ergänzung, auch wenn Analysten das Verfahren derzeit noch als zu teuer für eine breite Marktdurchdringung einschätzen. Die hohen Whey-Preise machen den Abstand jedoch kleiner.
Das französische Startup Verley fermentiert Pilze, um ein Protein herzustellen, das auf Muskelregeneration zielt. Co-Gründer und CEO Stephane Mac Millan beschreibt die Geschwindigkeit des Wandels als beispiellos, sinngemäß auf Deutsch:
„In den USA hat sich in nur zwei bis drei Jahren alles verändert. Das setzt die gesamte Lebensmittelindustrie unter Druck, ihre Produkte neu zu formulieren.“
Ein weiteres französisches Startup, Standing Ovation, das Investitionen von Danone und Bel Group erhalten hat, stellt Kaseinproteine her und will seine Produkte noch in diesem Jahr auf den Markt bringen. Co-Gründer Romain Chayot gibt an, dass 80 Prozent der aktuell entwickelten Produkte auf Hochproteinlösungen ausgerichtet sind.
Doch neben Skepsis gegenüber Preisen und Skalierbarkeit gibt es ein weiteres Hindernis für Fermentationsproteine: den Geschmack. Peter McGuinness, CEO von Bel Group North America, bringt es auf den Punkt:
„Molkereiprotein schmeckt einfach gut. In diesem Proteinwettlauf haben wir die Köstlichkeit verloren.“
Das ist keine Kleinigkeit. Wer Konsumenten dauerhaft von neuen Proteinquellen überzeugen will, muss ihnen mehr bieten als Nährwertangaben auf der Verpackung.
Was die Branche jetzt entscheiden muss
Die Whey-Knappheit ist kein vorübergehendes Phänomen. Alternde Bevölkerungen in Europa und Nordamerika, wachsendes Gesundheitsbewusstsein und die weiter steigende Verbreitung von GLP-1-Medikamenten sorgen dafür, dass die Nachfrage nach hochwertigem Protein strukturell verankert ist. Molkereien, die jetzt in Verarbeitungskapazitäten investieren, sichern sich einen Vorsprung, der in einigen Jahren schwer aufzuholen sein wird.
Gleichzeitig zeigt der Hype um Precision Fermentation, dass die Branche nicht allein auf Kuhmilch setzen wird. Ob Pilzprotein, Hülsenfrüchte oder fermentierte Kaseine langfristig einen relevanten Marktanteil gewinnen, hängt weniger von der Technologie ab als von der Frage, ob Verbraucher bereit sind, ihre Gewohnheiten zu ändern. Bislang spricht vieles dafür, dass sie das sind, solange das Produkt gut schmeckt.
Das alte Schweinefutter hat jedenfalls gerade seinen bisher teuersten Moment.
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